Eine Einladung zur aufrichtigen Standortbestimmung.
Das ist fehlgeleitete Loyalität. Ich nenne sie unsere alte Loyalität.
Das System unserer alten Loyalität
Dieses System hielt über Jahrhunderte Menschen, Familien, Nationen in Schuld und Angst – zusammen und in Schach. Weltweit. Innerlich und Äußerlich. Es bot Sicherheit in Zeiten, in denen nichts mehr sicher zu sein schien. Ich lernte seine Spielregeln in frühester Kindheit. Sein Leitsystem ist das Drama. Seine Währung ist die Schuld, mit der wir für (scheinbare) Sicherheit zahlen. Und diese Schuld sorgt für subtile bis dramatische Lücken in unserer Integrität. Woran merken wir, dass das so ist? Es gibt ein untrügliches Symptom: Die Überforderung. Sie drückt sich aus in Krankheit, Depression, Gewalt, Burnout, Überschuldung, Bankrott, Müllbergen, Kontamination lebensnotwendiger Ressourcen, Beziehungsproblemen aller Art, Selbstmord und Lustlosigkeit.
Dieses System ist ganz offensichtlich keine Privatangelegenheit. Es erstreckt sich von unseren Ehen und Familien in alle Bereiche unserer Gesellschaft hinein. Es spiegelt sich in unserem Finanzsystem, in unserem Wirtschaftssystem, in unserem Gesundheitssystem, in unserem Bildungssystem und in unseren politischen Systemen wider. Und es bedingt eine Art zu leben, die schmerzt, trennt und erschöpft.
Doch Schuld ist ein Konstrukt. Ein Steuerungsinstrument. Sie existiert nicht wirklich. Daher ist sie auch niemals tilgbar. Und sie hebt sich selbst auf, sobald wir damit aufhören, an sie zu glauben und sie als Währung zu benutzen und stattdessen in unsere Integrität – die Übereinstimmung unseres inneren Zustandes mit unserem äußeren Handeln – investieren.
Ahnenarbeit
Und es geht um mehr als eine Neugestaltung in der Gegenwart. Es geht auch um Ahnenarbeit. Wir sind hier nicht allein mit allem, was uns bewegt. Unsere Vorfahren mit dem, was sie trugen, leben in uns weiter. Als unsere Urgroßeltern und Großeltern lebten oder unsere Eltern ganz jung waren, gab es natürlich schon überall auf der Erde erwachtes Bewusstsein. Doch als verbundenes kollektives Feld war es noch sehr klein. Viel zu klein, um all dem Trauma unserer Vorfahren, die von Kriegen und Gewalt direkt berührt wurden, begegnen zu können.
Unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern fehlte es schmerzlich. Daher trugen und ertrugen sie schweigend das Unaussprechliche und das Unerträgliche. Sie hielten durch – was sonst. Sie konzentrierten sich darauf zu überleben, und alles im Außen Zerstörte, wieder aufzubauen. Für das, was im Innen in Trümmern lag, gab es keinen Raum. Und so wurden die inneren Trümmer versenkt in die Schatten der menschlichen Psyche. Nun ist das anders. Niemals stand Bewusstsein in dem Maße als verbundenes Feld zur Verfügung wie heute.
Das Erbe zweier Weltkriege
Das erwachte Bewusstseinsfeld heute ist riesig. Es gehört auch zum Erbe zweier Weltkriege. Es ist verbunden. Und es ist aktiv. Jeder, der in den letzten Jahrzehnten bewusst in seine innere Entwicklung investierte, ist Teil dieses Feldes. Es hat heute die Kapazität, all den Energien, die bisher noch im Trauma und somit in Angst, Schmerz, Schuld und Scham gebunden waren, zu begegnen. Somit es ist kein Fehler, wenn diese Emotionen jetzt in so großer Vielfalt und mit geballter Wucht überall auf der Erde in den Fluss kommen. Es beweist, dass das menschliche Bewusstseinsfeld inzwischen umfassend und stabil genug ist, um ihnen in Liebe und Präsenz – mitfühlend statt mitleidend, unterscheidungsfähig statt urteilend – gegenüberzutreten. Das ist es, was sie brauchen, um in den Frieden zu kommen.
Systeme, Dynamiken, Muster und Paradigmen, die noch für Krieg und Gewalt in und zwischen Menschen sorgen (ein Widerspruch in sich), gehen in der Welle dieser Emotionen, die gerade ihre Form von gefroren zu flüssig wandeln, und in dem Feld des Bewusstseins, das dieser Welle wach begegnet, einfach unter. Die Welle und das Feld und die untergehenden Systeme bilden gemeinsam den Boden, die Wurzeln, die Nährstoffe und das neue Leben – die neuen, lebendigen Systeme, die aus dem Boden auftauchen. Dieser Prozess bringt Bewegung. Er macht Lärm. Er berührt. Und er löst Tränen und Lachen zugleich aus. Wie immer, wenn etwas geboren wird.
Die Währung dieser neuen, lebensbejahenden Systeme ist Integrität. Ihr Leitsystem ist Kohärenz.
Die Geburt
Ich richte mich aus auf die Geburt. Ich danke für das, was gerade untergeht. Ich weine, und ich lächle unter Tränen in allem, was sich gerade auch in mir bewegt. Denn ich wachse – und das Leben trägt.
Und ich gehe davon aus, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte der Schuld wie kein anderes Land befähigt ist, für diese Geburt in Europa in die Verantwortung – die Fähigkeit, Antworten zu geben – und damit in die Führung zu gehen. Und wenn es ein weiteres Land gibt, von dem ich erwarte, dass es aufgrund seiner Geschichte des Leides die Fähigkeit besitzt, Deutschland auf diesem Weg sicheres Geleit zu geben, dann ist es Russland.
Ein Aufeinander-Zugehen dieser beiden über Jahrhunderte tief verbundenen Kulturen hat das Potenzial, Ost- und Westeuropa als neuer Gleichgewichts- und Stabilisierungspunkt zu dienen. Und ein Gesamteuropa im Gleichgewicht ist in der Lage die Welt der Nachkriegszeit vom transaktionalen Waffenstillstand in einen Frieden zu führen, der nicht nur äußerlich existiert, sondern von Innen trägt.
