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Die Freiheit der Falten

Zeit, unsere Rüstung abzulegen

Im vergangenen Jahr wurde ich 60. Ein Alter, das mich einlädt, Bilanz zu ziehen – und mir gleichzeitig die Freiheit schenkt, neu zu wählen. Ich stehe am Anfang meiner zweiten Lebenshälfte. Und sie fühlt sich weiter an als alles zuvor.

Was ich in diesen Jahrzehnten gelernt habe, ist einfach – und radikal: Integrität ist keine Eigenschaft. Sie ist Lebensenergie in Aktion. Und sie entscheidet darüber, wie wir lieben, wie wir führen und wie wir als Gesellschaft miteinander leben.

Nur scheinbar schreibe ich hier über Weltpolitik. Tatsächlich geht es um unseren Körper, unsere Beziehungen – und um die Frage, ob wir bereit sind, die Rüstung abzulegen, die wir so lange für Schutz gehalten haben.

Mit Mitte vierzig gab es einen Moment, der meine Beziehung zu meinem Körper grundlegend veränderte. Eine Entscheidung, die ich innerhalb kürzester Zeit traf – und die sich im Rückblick wie ein kleines Erwachen anfühlt. Ich ließ mir die Spirale entfernen. Selten habe ich eine so unmittelbare Erfahrung von Freiheit und Rückverbindung gemacht wie in den Tagen danach. Etwas in mir wurde still und gleichzeitig weit. Ich begann zu spüren, wie eng ich an bestimmte Formen von Sicherheit und Kontrolle gebunden war. Und wie weit mich das von mir selbst und meiner Lebendigkeit entfernt hatte.

Das Persönliche ist durchzogen vom Kollektiven. Und umgekehrt.

Brandenburg im Frühling 2019. Ich saß am Küchentisch in unserem schönen, alten Haus vor den Toren Berlins, und zwischen mir und meinem Mann lag nach 22 Ehejahren die unsichtbare Trümmerlandschaft zweier Nationen. Wenn wir uns stritten oder anschwiegen, taten wir das meist in den Frequenzen unserer Vorfahren. Ich, das rheinische Landei aus dem westlichsten Zipfel Deutschlands. Er, das Kind der uralten Kreml-Stadt, die niemals schläft. Beide lieben wir Bücher. Doch als wir uns 1994 in Moskau begegneten, gab es keines, welches wir gemeinsam kannten. 

Vladimirs erstes Buchgeschenk an mich war Der Meister und Margarita von Bulgakow. Das erste Buch, das er sich von mir wünschte, war Drei Kameraden von Remarque. Inzwischen haben wir unzählige Bücher gemeinsam gelesen. Und seit Anfang 2025 ist unsere Ehe offiziell geschieden. 

Manchmal muss man die Form verlassen, um die Essenz der Liebe und der gemeinsamen Verantwortung zu bewahren.

Unsere insgesamt 30 gemeinsamen Jahre waren nicht nur einfach eine große, wilde Romanze. Sie waren auch die Fortschreibung der Geschichte unserer Ahnen, die über Jahrhunderte zutiefst verwoben, sich selbst und einander in zwei Weltkriegen unsägliches Leid zufügten. Und mit den Jahren meiner Ehe begriff ich: Wir beide hielten krampfhaft dieselben Scherben dieser Geschichte in den Händen. Die scharfen Kanten schnitten in unsere Haut – alter Schmerz, alte Schuld, alte geistige Besatzerzonen. Aber anstatt dem anderen die Scherben und unseren Schmerz weiter vorwurfsvoll entgegenzuhalten, fingen wir damit an, sie gemeinsam zu halten. Ganz still.

Das Wesentliche entsteht nicht durch Kontrolle. Das Wesentliche entsteht durch Raum.

In dieser Stille wurden die Scherben in unseren Händen langsam warm. Wenn zwei Menschen – oder zwei Völker – aufhören, sich gegenseitig die Scherben ihrer Verbindung mit ihren scharfen, verletzenden Kanten vorzuwerfen, wird die Zerstörung zwischen ihnen zum Geburtskanal für etwas Neues. Dieser Geburtskanal ist die Leere, die passiert, wenn wir die Räume zwischen uns nicht mehr mit Schuld und Projektion füllen. Ich erlebte sie bisher am physischsten während der Geburten meiner Söhne. Kurz bevor sich der Kopf eines Kindes der Welt zeigt, gibt es einen Moment der totalen Leere, den ich kaum beschreiben kann. Der Schmerz scheint übermächtig. Und dann lässt Du los. Es ist ein Moment vollkommener Hingabe. Weiter weißt Du nicht, was geschieht. Welches neue Leben zeigt sich aus Dir heraus? Und dann – ist es da. Zeitgleich endet der Schmerz.

Sich in menschlichen Beziehungen und Auseinandersetzungen auf diesen Raum der Leere in und zwischen uns einzulassen, braucht Mut und Vertrauen. Denn er zeigt sich nur, wenn wir den Widerstand gegen den Schmerz aufgeben und ganz eins werden mit dem Moment. Denn jeder Schmerz lädt mich grundsätzlich immer zu einer Neugeburt ein.

Sie steht für weise Antworten und Lösungen, in denen sich – wie in einem Kind – die Essenzen aller Beteiligten zu etwas vollkommen Neuem verbinden. Die Ganzheit aller bleibt dabei unversehrt. In meiner Arbeit mit Menschen und in meinem eigenen Leben erfahre ich das regelmäßig. Nur, dass hier keine physischen Kinder, sondern Bewusstsein entsteht, das sich an seine grundsätzliche Verbundenheit erinnert.

Das Leben ist immer das, was ich in mir selbst sehe. Und Angst schränkt meine Sicht ein.

Als ich 1994 nach Moskau ging, folgte ich einem Impuls, den ich nicht erklären kann. Mein Verstand wollte nach New York. Doch die Jobangebote, die Wohnung, das Netzwerk, alles fügte sich elegant in Richtung Russland. Und ich sagte Ja. In meinen sieben Jahren im flächenmäßig größten Land der Welt lernte ich in mehrfacher Hinsicht eine neue Sprache. Es waren nicht nur die gesprochene russische Sprache und ein kyrillisches Alphabet. Ich lernte das Leben aus einer völlig anderen Perspektive als meiner rheinisch-deutschen zu betrachten. Meine Vorstellungen von Struktur, Ordnung, Zeit und Wert wurden auf den Kopf gestellt. Ich begann anders zu sehen, feiner zu hören und grundsätzlich mehr wahrzunehmen. Und ich begann, neue Fragen zu stellen. 

Wenn man eine Sprache lernt, indem man sich über einen längeren Zeitraum auch ihrer gesamten Kultur umfassend aussetzt, ist es irgendwann so, als würde man sich in die Schuhe anderer Menschen stellen – ohne dabei die eigenen zu verlieren. Diese Erfahrung lehrt, was selten ein Schulunterricht vermag: Das Leben ist nie nur so, wie es scheint. Und alles scheinbar Getrennte ist verbunden.

Der einzige Mensch aus meiner deutschen Familie und meinem alten Freundeskreis, der mich in meiner Zeit in Moskau besuchte, war meine grundsätzlich sehr mutige Mutter. Alle anderen hatten Angst. Rückblickend kann ich sagen, diese Angst hatte weniger mit Russland zu tun, als mit dem, was es in uns berührt. Angst vor Unsicherheit. Angst vor Kontrollverlust.

Doch Angst ist machtvoll. 60 Jahre lang erforsche ich sie bereits. Die Angst vor Schuld insbesondere. Ich passe damit perfekt in unsere kollektive, deutsche Geschichte der Schuld. Und diese Geschichte passte perfekt mit der russischen Geschichte des Leidens zusammen, die zur kollektiven Geschichte meines Ex-Mannes gehört. Jemand leidet. Und jemand muss dafür die Schuld tragen. Dabei ist der Schmerz in beiden Geschichten gleich groß. Doch sobald wir ihm in uns selbst begegnen, wird es still. Verbindung wird wieder spürbar. Zuerst mit uns selbst. Dann im Außen. Der Schmerz geht. Und die Antworten kommen.

Orientierung im Außen bringt mich von A nach B. Orientierung im Innen bringt mich nach Hause.

Bereits als Kinder lernen wir, uns vorwiegend an unserer äußeren Welt und an den Bedürfnissen und Reaktionen anderer Menschen zu orientieren. Unsere innere Stimme hören wir so immer weniger. Zum Glück folgte ich meiner nach Moskau. Und Gott sei Dank waren meine emotionalen Schmerzen sehr bald groß und mein Ex-Mann stur genug, so dass ich schließlich bereit war, mich mir selbst zuzuwenden. Seither sehe und fühle ich die Welt neu. Und ich lese, höre und verstehe Sprache ursprünglicher und körperlicher.

Integrität erfuhr ich zum ersten Mal im Leben buchstäblich am eigenen Leib mit Anfang dreißig, als ich hochschwanger auf dem Weg in mein Büro im Moskauer Stadtzentrum den Gartenring überquerte. 18 Spuren. Extrem kurze Ampelphasen. Zum ersten Mal in meinem erwachsenen Leben war ich mit mir und meinem Körper tief verbunden – durch ein anderes Leben in mir. Und all die Fahrer hinter ihren Steuern, die sonst im Straßenverkehr kein Erbarmen kennen, warteten geduldig, bis ich die andere Straßenseite erreichte. Niemand hupte. Alle grinsten. 

Jahre später erst wurde mir die Bedeutung dieses Moments bewusst. Ich hatte tiefe, physische Seelenverbindung erlebt – durch ein Kind in mir. Die Resonanz im Außen war die unmittelbare Antwort darauf. Wesentlich später erst wurde mir auch meine eigene Verbundenheit wieder bewusst. Ohne sie ist Angst da. Und nichts blockiert Lebensenergie so sehr wie Angst, die keinen Halt in mir findet. Was Lebensenergie zum Fließen bringt, ist nicht Freiheit von Struktur. Es ist das richtige Flussbett: Feinfühlendes Unterscheidungsvermögen, stimmige Entscheidungen, klare Grenzen. Und das Land, in dem ich lebe, ist mein Spiegel.

In Deutschland haben wir jahrzehntelang unsere Integrität als Währung missverstanden. Wir dachten, wenn wir wirtschaftlich funktionieren, sind wir sicher. 

Wir glaubten, wir handeln mit Gas, dabei handelten wir mit unserer Ganzheit. 

Wer mit seiner Ganzheit handelt, verliert sie. Ich tat dasselbe in meiner Ehe. Denn wenn wir anfangen, die richtigen Dinge aus den falschen Gründen tun – etwa, aus Angst um den Haussegen Suppe zu kochen oder Sex zu haben – verlassen und verletzen wir uns selbst und alle anderen. Und produzieren genau das, was wir verhindern wollten. Doch Integrität geht nicht verloren – sie verkümmert nur unter der Rüstung der Perfektion, die Menschen mit Schmerzen anlegen. Mein Vaterland, einst das Land der Dichter und Denker, ging aus zwei Weltkriegen hervor, indem es die Ärmel hochkrempelte und Schuld und Scham unter technologischer Perfektion und wirtschaftlichen Höchstleistungen begrub. Dafür wurden wir weltweit gesehen und gewürdigt, während wir unsere Identität und Schönheit als Dichter und Denker mit begruben. So auch ich. Ich wollte alles. Und ich wollte perfekt sein. Von außen betrachtet war mein altes Leben das auch. Denn das Schwinden von Integrität bemerken wir meist nicht sofort. Oft wird es uns erst bewusst, wenn unser eigenes System bereits hohl geworden ist.

Nur den Verlust unserer Souveränität fühlen wir unmittelbar. Er geht einher mit Schuld und Scham – den Steuerungsinstrumenten transaktionaler Systeme, in denen aufgerechnet statt gewürdigt wird.

Verlorene Souveränität macht unfrei, wütend und müde und wirkt wie ein Schwelbrand. Ein einziger Funke genügt, um ein Lauffeuer zu entzünden, das die ganze Umgebung erfasst. Und hinterher fragen sich alle, wie das nur passieren konnte.

Führung wird wirksam nicht im Ausschluss, sondern im Einschluss. Frei von Schuld und Projektion ist sie eine Superkraft.

Weder Scheidungen noch Kriege passieren einfach so. Jede Scheidung und jeder Krieg haben eine Geschichte. Diese setzt sich zusammen aus unzähligen weiteren Geschichten, deren rote Fäden über ein hyper-komplexes Netzwerk von Generationen und Ahnenlinien weit in die Vergangenheit zurückverlaufen. Wie auch immer eine Geschichte erzählt wird, sie bleibt eine Geschichte. Ich staunte in meiner Ehe nicht schlecht, wie unterschiedlich in unseren jeweiligen Geschichtsbüchern beispielsweise die Geschichte unserer zwei Weltkriege klingt. So blieben wir in unserem Denken lange Zeit in besetzten Zonen. Selten ist ein Mensch so mit sich und einem Moment verbunden, dass er eine Situation beschreiben kann oder will, wie eine Kamera sie aufzeichnen würde. Es sei denn, wir bleiben verbunden. Dann kann alles passieren – jedoch nur das Beste von allem.

Verbundenheit ist Integrität in Aktion. Und sie ist eine tägliche Praxis. Der konsequente Verzicht auf Schuld und Projektion ist in meiner Erfahrung ihr wirksamster Verbündeter. Es ist die radikalste Form der Selbstverantwortung, die ich kenne. Und wir alle können sie leben.

Das bedeutet innere Arbeit und innere Reifung. Und es bedeutet, wieder in uns zu Hause zu sein. Ich halte es für einen gesellschaftlichen Meilenstein, den Verzicht auf Schuld und Projektion zur Grundlage unserer wesentlichen Räume und Gremien zu machen. Integrität oder ihre Abwesenheit wird hier ganz natürlich und ohne viel Aufhebens sichtbar. Es wird offensichtlich, wenn jemand in Wahrheit nichts zu sagen hat, weil diese Person ehrlich gehört wird. Und wer wirklich etwas zu teilen hat, findet auch gebührenden Raum. Und führt.

Unsere Geschichte sitzt mit uns am Küchentisch. Und wir werden gerade knallwach.

Deutschland mit seiner Geschichte der Schuld, Russland mit seiner Geschichte des Leidens – sie teilen eine lange Geschichte der Verbindung. Diese gemeinsame Geschichte hat wie meine Ehe bereits zahlreiche Kinder und Kindeskinder hervorgebracht. Es gibt sie aus Fleisch und Blut in den Millionen deutsch-russischer Familien, die heute zwischen den Welten leben. Ich sehe diese Nachkommen auch in unzähligen Joint Ventures, in den Patenten, die aus gemeinsamer Ingenieurskunst entstanden, in den Filmen, der Literatur, der Poesie und nicht zuletzt in den Liedern, die hin und her übersetzt wurden.

Insbesondere die deutsche Teilung und Wiedervereinigung war ein gigantischer Fusionsprozess, in dem sich russische Kultur tief in deutsche Alltagsstrukturen hineinschrieb. Deutschland war sozusagen das europäische Labor, in dem zwei große Sehnsüchte auf einander trafen: Die Sehnsucht des Kommunismus nach einer allumfassenden Geborgenheit im Wir – und die Sehnsucht des Kapitalismus nach der grenzenlosen Entfaltung des Ich.

Wahre Freiheit braucht die Wärme von Gemeinschaft. Und wahre Gemeinschaft braucht den kreativen Ausdruck freier Individuen.

In unserer deutsch-deutschen Geschichte existiert auch die Reibung zweier Integritäts-Logiken. Die russisch geprägte Logik meint oft Treue, die auch durch Aggression geschützt wird. Die deutsche sucht sie in der Struktur – die zur Fassade wird, wenn wir aus Angst vor Konflikt nur noch funktionieren. Die Schnittmenge ist die Aufrichtigkeit. 

Wenn russische Intensität auf deutsche Klarheit trifft, entsteht ein Raum, in dem wir nicht mehr mit Gas, Sex oder Gehorsam handeln, sondern in der Wahrheit stehen. Hier enden transaktionale Beziehungen, in denen wir Energie verteilen – und dabei verbrauchen. Ihr Gegenteil sind kohärente Beziehungen, in denen aus Resonanz neue Lebensenergie entsteht, die keiner allein hätte erschaffen können. Nicht Tausch. Schöpfung. Echte Wertschöpfung entsteht nur hier.

Das Erbe der Wiedervereinigung ist eine Integrität, die keine Abwesenheit von Gegensätzen braucht, sondern die inneren Kapazitäten entwickelt, im Dialog unversehrt zu bleiben – auch wenn es unbequem wird. Weil hierbei nämlich immer alle die Hosen runterlassen müssen. Das macht für mich die deutsche Wiedervereinigung zum Weltkulturerbe.

Und diese Geschichte sitzt bei uns allen mit am Küchentisch – ob wir sie einladen oder nicht.

Das Leben wird schokoladiger. Weil wir uns selbst nicht mehr verlassen.

Provence im Mai 2026. Ich sitze unter strahlend blauem Himmel bei entspannten 24 Grad im Schatten in einem Lieblingscafé auf dem alten Marktplatz von Cucuron. Vor mir auf dem Tisch ein Fondant au Chocolat.

Insbesondere im Miteinander mit meiner Mutter, die 1940 geboren ist, erkenne ich in diesen Tagen, dass es nicht das ist, was wir Patriarchat nennen, was zerstörerische Systeme am Leben hält. Und vielleicht liegt die Freiheit der Falten genau in dieser Erkenntnis. 

Denn die Frage lautet nicht mehr: Wer hat Schuld? Die Frage lautet: Was wiederholen wir? Was sind wir nicht mehr bereit zu tragen und weiterzugeben? Und was will jetzt durch uns gemeinsam entstehen?

Das Antidot zur Schuld ist übrigens Wertschätzung. Sie ist der Stoff, aus dem unsere neuen Geschichten gemacht sind. Still. Klar. Schokoladig. Und überraschend lebendig.