Und die Magie der Gemeinschaft
Der sicherste Ort der Erde ist in diesem Moment, in mir verkörpert und verbunden mit Allem Was Ist. Und es ist die Magie der Gemeinschaft in all ihrer Vielfalt, die mich immer wieder aus meiner eigenen Achse holt und damit Wachstum und Ausdehnung in meinem Bewusstsein und in der Welt auslöst. Sei es als Inspiration oder Schmerz, als Abwenden oder Kuss.
Vor zwei Wochen führte mich eine Reihe scheinbar unbedeutender Zusammenhänge überraschend an einen Ort nur 40 km von meinem Wohnort entfernt – den Waldhof Carinhall. Carin war Schwedin, geboren 1888. Sie traf den Mann, der sein Landgut in der Schorfheide nach ihr benannte, 1920 in Stockholm. Es war Liebe auf den ersten Blick, und die beiden heirateten. Dann starb Carin 1931 mit nur 43 Jahren an Tuberkulose. Sie erlebte den Bau von Carinhall nicht mehr. Der Mann, in den sie sich verliebt hatte, war der damals 27-jährige Hermann Göring, hochdekorierter Jagdflieger im 1. Weltkrieg und wenig später zweiter Mann in Adolf Hitlers Reich.
Carinhall ist heute schlicht ein grandioser, von Seen umgebener Naturschauplatz im Norden Brandenburgs. Vom damaligen Landsitz zeugen nur noch wenige Steine und einige Löcher im Waldboden. Görings selbst, die DDR Regierung und zahlreiche Schatzsucher haben dafür gesorgt, dass er sich über die Jahre buchstäblich in Luft auflöste. Und doch ist es bis heute ein Ort, der eine besondere Faszination ausübt. Sei es ob der Grandeur der Natur dieses größten zusammenhängenden Waldgebietes Deutschlands, in dem eine Stille herrscht, die ich bis dahin nur in der Karoowüste in Südafrika erlebt habe. Sei es ob der widersprüchlichen und auch tragischen Geschichte seines berühmt-berüchtigten Bewohners, der direkte Verantwortung für unsägliches Leid und unaussprechliche Grausamkeit im Europa des 20. Jahrhunderts trägt.
Männlichkeit und Sicherheit
Als ich nach vielen Stunden in der Schorfheide wieder nach Hause kam, war ich erfüllt von einem unbändigen Drang nach Informationen über Göring und sein Leben. Und je mehr ich erfuhr, umso mehr wollte ich wissen. Schließlich hatte ich innerhalb eines Wochenendes, nicht nur Görings Leben und zahlreiche Videodokumentationen der Nürnberger Prozesse durchforstet, sondern außerdem die Biographien der großen Diktatoren unserer Zeit studiert. Ich wollte verstehen, wer diese Menschen waren und was sie bewegte. Sie alle wurden vor 1900 geboren. Sie alle waren Männer, hatten schon früh chronische Krankheiten und entstammten auffallend destruktiven und unsicheren Familienverhältnissen.
Und sie alle wurden bereits als Kinder militarisiert und zu Soldaten erzogen.
Männlichkeit war für sie untrennbar mit der Bereitschaft zum Kampf, zum Sieg und zum Dienst an der Waffe verbunden. Härte, Druck, Gleichmarsch und Töten galten als legitime Mittel für Politik, Ehre und Erfolg. Vor allem wurden sie als grundsätzliche Voraussetzungen für Sicherheit in Familien, Organisationen und Staaten gesehen.
So zogen die Diktatoren des 20. Jahrhunderts mit Anfang 20 in den ersten Weltkrieg. Im zweiten Weltkrieg waren sie um die 40 und bereits in vielerlei Hinsicht von sich selbst entfremdet und entmenschlicht. Es überraschte mich nicht mehr zu erfahren, dass – wenn man Alkohol einschließt – ausnahmslos alle von ihnen schwerst drogenabhängig waren.
Ich bin Mutter dreier Söhne, die heute in den Zwanzigern sind. Mehr als Wasserpistolen habe ich ihnen an Kriegsspielzeug nie gekauft. (Passt das überhaupt zusammen – Krieg und Spielzeug?) Der Vater meiner Söhne ist Russe. Und als wir uns 1994 in Moskau verliebten, gab es dort noch Panzerparaden. Ich erinnere mich gut daran, wie der Asphalt unter den Füßen bebte und das Dröhnen der riesigen Metallraupen meinen ganzen Körper durchfuhr. Und das war ein sogenannter Festtag. Und es wurde nicht geschossen. Zumindest nicht auf uns. Für mich als rheinisches Landei war es ein verstörendes Erlebnis. Zwei Weltkriege haben in den Nachkriegsgenerationen, zu denen ich gehöre, einen umfassenden Bewusstseinswandel ausgelöst. Für uns Deutsche verstärkte er sich noch durch die Last der tief empfundenen Schuld und Scham. Und da wir alle damit nicht für immer und ewig rumlaufen wollten, begann für viele Menschen meiner Generation eine umfassende innere und äußere Auseinandersetzung mit dem gesamten Holocaust und überhaupt mit dem Thema Krieg.
Eine neue Logik
Und gerade wir Deutschen fielen aus allen Wolken, als im Februar 2024 wieder ein Krieg auf europäischem Boden ausbrach. Zwar besitzt Deutschland noch eine Armee und auch Generäle, von denen vermutlich noch viele zur alten Garde gehören. Aber unser Land hat sich über die letzten 80 Jahre bewusst entmilitarisiert. Wir haben die Wehrpflicht abgeschafft. Und unsere junge Generation versteht zum Teil nicht einmal mehr, wofür sie überhaupt kämpfen soll, weil sie ihre Werte in unserem Land nicht mehr gelebt findet. Jetzt beginnen wir mit einer Remilitarisierung und machen dieses Land wieder wehrfähig. Wir investieren wieder offen in die Verknüpfung von Männlichkeit und Soldatenehre. Wir bieten große finanzielle und Ausbildungsanreize für junge Menschen, die sich zum Wehrdienst verpflichten.
Und wir entscheiden uns dafür aus Angst und Sorge um unsere Sicherheit. Die Sicherheit unserer Grenzen. Die Sicherheit unserer Leben. Die Sicherheit unserer Wirtschaft. Die Sicherheit unserer Karrieren. Die Sicherheit unseres Wohlstands. Die Sicherheit unserer Zukunft.
In der Auseinandersetzung mit den monströsen Protagonisten der monströsen Geschehnisse unserer Geschichte auf einer menschlicheren Ebene, wuchs in mir eine neue Logik. Ich gehöre zur Generation der Kriegsenkel, die sich ihren Weg freilegte aus innerem Chaos und Trauma, das unsere Großeltern mit ins Grab nahmen und unsere Eltern bis heute tragen, indem sie sich nach Innen wendete. Während meine Großväter in ihren Vierzigern auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkriegs kämpften, vertiefte ich mich mit 40 in die Prinzipien humanistischer Psychologie und begann damit, die alten östlichen und westlichen Weisheitslehren zu studieren. Heute weiss ich mit Sicherheit, dass wir alle ein Produkt der Gemeinschaften sind, in denen wir aufwachsen. Und ich weiss, dass wir immer die Möglichkeit haben, neue Weg zu gehen, sobald sich unser Bewusstsein weitet und sich damit unsere grundsätzlichen Denkmuster und Glaubenssätze verändern. Nur dann haben versetzen wir uns in die Lage, uns anders zu verhalten und neue Entscheidungen zu treffen, die die Probleme, die wir auf niedrigeren Bewusstseinsebenen kreierten, nicht mehr erneuern.
Dabei helfen uns insbesondere Menschen, die sich anders verhalten und anders denken als wir. Ich nenne das Die Magie der Gemeinschaft.
Neues Bewusstsein und Sinn
Die existentiellen Ängste und Zwänge der Menschen in Gesellschaften früherer Jahrhunderte waren weitaus größer als für die meisten von uns heute. Und doch ist das, was uns Menschen heute wie damals immer noch antreibt, die Angst um unsere Existenz. Um Verlust. Um Mangel. Um Gebrechen. Um Tod. Wollen wir so weiterleben?
Und ist Militarisierung – ein Wertesystem von Ideologie, Härte, Druck, Gehorsam, Entmenschlichung durch Ausschluss von Gefühlen und Waffengewalt – die Lösung oder eher eine der Grundlagen für unsere Unsicherheit?
Zwei Weltkriege haben dazu geführt, dass unser Bewusstsein vom 20. ins 21. Jahrhundert massiv shiften konnte. Diese Kriege trugen auch dazu bei, dass ich heute überhaupt in der Lage bin, mir solche Fragen zu stellen. Und das alles ist die wirklich gute Nachricht. Sie verleiht dieser chaotischen und schmerzhaften Zeit des Übergangs zwischen den Jahrhunderten einen Sinn. Und der Bewusstseinshift, der sich jetzt vollzieht, kommt in seiner Bedeutung vielleicht sogar dem gleich, als die Menschen verstanden, dass die Erde keine Scheibe sondern eine Kugel ist, die sich noch dazu um die Sonne dreht. Und nicht umgekehrt.
Manchmal in diesen Tagen kommen mir unvermittelt Tränen des Mitgefühls für die Männer von damals, die lernen mussten, nichts mehr zu fühlen. Und für die Männer von heute, für die es immer wichtiger wird, ihr Fühlen als lebenswichtiges Navigationssystem wieder in den Vordergrund ihres Lebens zu stellen. Mir ist bewusst, dass ich mit meiner menschlichen und mitfühlenden Betrachtung weltweit anerkannter Monster und Kriegsverbrecher ein Tabu breche. Doch ist Krieg selbst nicht ein Verbrechen? Eines, in dem alle Beteiligten die Menschenwürde vergessen und das, was gut und recht ist, irgendwie brechen? Ich habe in meiner ersten Ehe von fast 30 Jahren gelernt, dass Kampf nur existiert, wenn beide mitmachen. Und ich weiss, dieses Prinzip gilt in jeder Konstellation – ob Familie, Nation oder die ganze Welt.
Ich komme also nicht mehr umhin, sogenannte Kriegsverbrecher im Licht ihrer menschlichen Umstände und innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Zwänge und weltgemeinschaftlichen Zusammenhänge zu betrachten.
Dies bewirkt, dass ich in den letzten Wochen meine Angst verliere vor den Dämonen meiner alten Geschichtsbücher, die auch wir durch den besonderen Status, den wir ihnen geben, bis heute entmenschlichen und gleichzeitig am Leben halten.
Innere Datenbanken im Update
Vor allem erkenne ich, dass wir auf diese Weise unseren eigenen Fortschritt und die Erreichung unserer übergeordneten, gemeinsamen Ziele wie Menschenwürde, Freiheit, Einigkeit, Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Brüderlichkeit, Naturschutz und Demokratie sabotieren. Indem wir durch Remilitarisierung für die Wiederherstellung genau der Grundbedingungen sorgen, die seit Jahrtausenden zu Entfremdung, Entmenschlichung und damit zu Angst, Diktatur und Krieg führen.
Krieg ist kein natürliches menschliches Verhalten. Er ist eher ein System ähnlich wie die Sklaverei, die nur unter bestimmten gesellschaftlichen und vermutlich bestimmten hierarchischen Bedingungen existieren kann.
Und wir befinden uns mitten in einem umfangreichen Update unserer inneren Software. Unsere inneren Datenbanken – Denkmuster und Glaubenssätze – entsprechen nicht mehr dem, was wir heute längst wissen. Daher arbeiten und treffen wir bisher noch vielfach Entscheidungen auf der Grundlage veralteter Daten.
Natürlich wurde nicht jeder, der vor 1900 geboren wurde, automatisch zum Diktator. Es wurde ja auch nicht jeder zum Staatsmann. Konrad Adenauer, geboren 1876 und erster deutscher Bundeskanzler, diente aus gesundheitlichen Gründen nie im Militär – damals der totale Karriereknick. Er galt zwar als autoritär, wurde jedoch nicht zum Diktator.
Allerdings gilt höchst wahrscheinlich, dass alle großen Diktatoren dieser Welt schon früh militarisiert wurden. Die Generation Z und alle nachfolgenden sind dafür nicht mehr gemacht. Meine Söhne zB würden sich lieber einsperren lassen, als in einen Krieg zu ziehen, in dem sie sich zwischen zwei Vaterländern entscheiden müssten. Auf wen sollten sie schießen? Und sie sind nicht die einzigen in einer Welt, die inzwischen zutiefst verbandelt und schon immer absolut verbunden ist.
Die Erde ist rund
Die Sicherheit und die Freiheit, um die es uns Menschen seit Jahrtausenden geht, werden ganz offensichtlich nicht geboren aus Angst, Druck, Demütigung, Härte, Zwang und Entfremdung vom Menschsein selbst. Sonst fühlten wir uns längst überall frei und sicher. Gleichzeitig führen all unsere inneren und äußeren Kriege absolut dazu, dass wir zunehmend aufwachen, (mit)fühlen, größere, wohlwollendere Perspektiven einnehmen und neue, dem Leben dienlichere Gedanken denken können.
Die Erde ist rund. Sie dreht sich um die Sonne. Und mehr Frieden und Freiheit sind eine Folge von mehr Frieden und Freiheit – in jedem von uns. Das bedeutet innere Arbeit. Sie lässt sich durch nichts ersetzen. Und sie ist die Arbeit, um die niemand – insbesondere niemand, der heute Menschen führt – mehr herum kommt.
Leadership bedeutet Inner Work – Bewusstseinsarbeit. Es ist eine andere Form der Disziplin. Sie entsteht nicht aus Zwang oder Pflicht, sondern aus Liebe. Liebe zum Menschsein. Liebe zum Leben. Mütter, die stillen, und Väter, die neben ihren Kindern wachen, wenn sie fiebern, wissen das.
Bewusstseinsarbeit braucht die Bereitschaft zu fühlen – ohne sich dabei in alten Geschichten zu verlieren, die uns in Panik versetzen. Inner Work ermöglicht glasklares, schöpferisches Denken, das in der Lage ist, Lösungen und Wege auf neuen Bewusstseinsebenen zu generieren, die die Integrität aller Beteiligten waren.
Eine Welt, die das gewährleistet, ist ein gleichermaßen machtvoller, freier und sicherer Ort für alle und alles, das auf ihr, in ihr und um sie herum lebt.
